Stillen und Nicht-Stillen

Diesen Bericht habe ich wenige Monate nach der Geburt meines zweiten Sohnes geschrieben. Er musste einfach geschrieben werden.

Stillen oder Nicht-Stillen

Da ich meinen ersten Sohn 15 Monate gestillt habe, den zweiten jedoch leider in der 4. Lebenswoche abstillen musste, möchte ich hier mal über beide Seiten berichten. Die Vorurteile, die ich selbst früher im Stillen (haha, Wortspiel) hatte, möchte ich relativieren. Und mich gleichzeitig für die Gedanken, die ich manchmal hatte, entschuldigen, wenn ich eine Mama sah, die Flasche gab, anstatt zu stillen.

Dies ist insbesondere für jene Mütter gedacht,
1. die abstillen müssen, aber lieber gestillt hätten und sich deshalb Vorwürfe machen
2. die Supermamas sind und sich nicht vorstellen können, nicht zu stillen
3. die Vorurteile gegenüber den Mamas haben, welche die Flasche geben.

Meinen größeren Sohn habe ich 15 Monate gestillt. Im Krankenhaus hat es überhaupt nicht geklappt. Ich war nahezu verzweifelt. Das Stillen hat für mich immer dazu gehört. Und es war vollkommen klar für mich: Ich würde mein Kind stillen. Als es dann nicht klappte, da wir beide zu unerfahren waren, ich darüber hinaus eine Schlupfwarze habe und extrem viel Milch, so dass mein Kleiner gar nicht andocken konnte, kam zu der stressigen Geburt auch noch die Verzweiflung. Musste ich jetzt abstillen? Im Krankenhaus jedoch wurde mir als Alternative das Fingerfeeding gezeigt. Das klappte gut. Ich musste zwar alle 3 Stunden abpumpen (und war ohnehin groggy), aber es ging, der Große nahm es an.

Nach den 6 Tagen wurde ich entlassen. Hatte mir eine Milchpumpe ausgeliehen und war angespannt – würde es zu Hause so gut klappen wie im Krankenhaus? Doch morgens vor der Entlassung legte ich den Kleinen nochmal an und es funktionierte!!! Auch nachmittags, abends, usw. Ich denke, der Druck im Krankenhaus hat mich blockiert. Mit Hilfe der Hebamme klappte es immer besser. Natürlich hatte ich anfangs wunde Brustwarzen und war müde, aber das Stillen klappte und ich war der glücklichste Mensch der Welt. Ich hatte im KH 15 Kilo abgeommen (in der Schwangerschaft hatte ich 13 zugenommen), aber ich war glücklich. Unser Kleiner mauserte sich immer mehr, er war selten richtig krank, nur mal Schnupfen und ähnliches (bis heute, er ist nun 5 Jahre, nur mit den Ohren hat er eher mal Probleme). Ich hatte natürlich zwischendrin auch Phasen, wo ich dachte: Ich will abstillen. Die hat jede Frau. Aber meist war das, wenn er Wachstumsphasen hatte und auch diese Zeit ging vorüber. Auch die ersten Zähne (das war schmerzhaft, und zwar richtig) haben wir gemeinsam gemeistert.

Ende Februar 2009 erfuhr ich von meiner zweiten Schwangerschaft. Und war unsicher, was ich nun tun kann. Der Große trank zwar kaum noch, aber er trank noch. Dann kam ein Wochenende, wo er plötzlich nochmal ganz viel trank. Ich hatte schon leichte Panik, dass es nun doch wieder mehr würde, denn so langsam wollte ich doch abstillen. Doch jedesmal beim Stillen lag er da, hörte auf, lachte mich breit an und strahlte mit seinen blauen Augen. Es waren wundervolle Momente, an die ich mich sehr gern erinnere. Als das Wochenende rum war, wollte er nicht mehr trinken. Er hatte sich an diesem einen Wochenende auf seine eigene, wunderbare Art abgestillt. Dafür bin ich ihm so dankbar, dass wir noch einmal so schöne Zeit miteinander verbringen konnten und der Still-Abschied so schön war.

Den Kleinen stillte ich 3 Wochen. Als dann der Kleine geboren wurde, legte ich ihn direkt an. Zunächst klappte es gut, doch während des Krankenhausaufenthaltes wurde es irgendwie immer schwieriger, insbesondere direkt nach dem Milcheinschuss. Er trank „schnuddelig“, legte die Zunge über die Brustwarze anstatt darunter. Es war furchtbar und leider gar nicht schön. Zuhause wurde es immer schlimmer anstatt besser. Ich zweifelte schon an meinen Fähigkeiten. Beim Großen hatte es doch so gut geklappt?! Was war los? Mein Körper war durch die 2 Schwangerschaften und die Stillzeit dazwischen geschlaucht, er war ja ohne Pause gefordert gewesen. Das machte sich nun zusätzlich bemerkbar.

Ich wurde immer blasser, müder, hatte vor jedem Stillen Angst. Meine Brustwarzen waren blutig-wund, ich hatte ständig Brustentzündungen, Fieber, Schmerzen. Und dann plötzlich vor jedem Anlegen Angst. Ich biss beim Anlegen sogar in einen Holzkochlöffel, so sehr schmerzte es manchmal. Aber eben nur manchmal. Ich hatte immer öfter das Gefühl: Mein Kind ist kein Trinker, der möchte essen. Seltsam, oder? Mit der Hebamme redete ich auch mehrfach darüber. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass mein Körper keine Energie mehr hatte. Keine mehr, um die Milch nahrhaft zu machen. Und keine, um mich wieder zu päppeln nach der anstrengenden Geburt. Der Kleine nahm nur sehr schlecht zu. Er war zwar bei der Geburt propper, aber er brauchte eben auch viel Energie zum Wachsen.

Schließlich stand die Frage im Raum: Abstillen oder nicht?

3 Tage und Nächte weinte ich, stillte unter Schmerzen und Angst weiter. Ich hatte Gedanken wie: „Ich bin eine schlechte Mutter, wenn ich abstille. Den Großen hatte doch auch 15 Monate Stillzeit, die möchte ich dem Kleinen auch geben. Er wird benachteiligt, wenn ich es nicht tue.“ Das war natürlich nachvollziehbar, aber auch alles nicht richtig wahr. ich hatte auch den Ehrgeiz, weiter zu stillen. Vorher hatte ich Mütter, die Flasche gaben, belächelt. Ich hatte mir keine Gedanken über die Gründe gemacht, ich hatte Vorurteile. Und das war nun unter anderem die Quittung dafür (das denke ich jedenfalls) – ich wurde eines besseren belehrt.
Natürlich hatte ich vorher auch immer gesagt: Jede Frau muss selbst wissen, was sie will. Und dass eine StillBEZIEHUNG nur funktioniert, wenn es für beide ok ist. Und da stand ich auch hinter.

Trotzdem hatte ich mich immer gefragt: Warum stillt diese Mutter nicht? Mütter, die das taten, waren in meinen Augen Mütter, die sich gegen das Stillen entschieden hatten – freiwillig. Nun also durfte ich selbst erleben, was einen dazu bewog, abzustillen. Und dass dies nicht immer freiwillig ist, auch wenn ich natürlich eine Wahl hatte. Heute weiß ich natürlich, dass Kinder, die nicht gestillt wurden, trotzdem gesund und glücklich sein können. Das Abstillen klappte sehr gut. Der Kleine nahm die Flasche sehr gut an. Und das letzte Stillen genoss ich besonders (es tat nicht weh!), ich wollte diesen Augenblick für mich bewahren. Nach 6 Wochen Abstillzeit (mit Globulis und Hebammenunterstützung) war der Prozess beendet.

Bereits nach der ersten Woche hatte der Kleine merklich mehr zugenommen, aber gesund. Er ist anders gebaut als sein Bruder, eher muskulös vom Typ her. Ich denke, die Bedürfnisse für diese Konstitution konnte ich nach den anstrengenden 3 Jahren einfach nicht mehr stillen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Kleine ist heute ein gesunder, 5 Jahre alter kleiner Junge. Er ist tatsächlich mehr ein Esser als ein Trinker (noch mehr als sein Bruder). Er ist schneller, in allem, was er tut, als sein Bruder es war, er läuft seit er 9,5 Monate alt war, was der Große erst mit 14 Monaten tat. Er hatte bislang kaum gesundheitliche Probleme, mal einen Schnupfen, mehr nicht. Er ist ein wunderbares Kind, das sich prächtig entwickelt – genauso wie sein Bruder. Ich hatte selbst mit diesen Blicken zu kämpfen, wenn ich den Kleinen in der Öffentlichkeit die Flasche gab.

Die Nachteile sind mir zudem mehr als nur bewusst: Wo kriege ich heißes Wasser her, ist das mitgenommene Wasser heiß genug, ist es nicht zu heiß, wie kriege ich es kälter, habe ich genug Wasser dabei, habe ich genug Milchpulver dabei usw.

Für die Mamas, die nicht stillen können, es aber lieber getan hätten und sich Selbstvorwürfe machen: Gleichzeitig kämpfte ich mit mir selbst, Die Selbstvorwürfe und auch die Gedanken wie: Schaut die mich jetzt komisch an, weil ich nicht stille? machten mich fertig. Irgendwann lernte ich aber damit umzugehen. Ich selbst weiß, weshalb ich beim zweiten Kind nicht stillte. Es ist nicht, weil ich mein Kind weniger liebe. Es ist, weil ich unterschiedliche Kinder habe. Weil mein zweites Kind mit der Flasche besser zurecht kam, als mit der Brust. Und weil ich für meine Kinder keine gute Mutter sein kann, wenn ich keine Energie habe, zu leben und dabei ich selbst zu sein. Also lasst euch nicht entmutigen. Flaschenkinder sind genauso gesunde, glückliche Kinder. Ihr seid keine schlechten Mütter, nur weil ihr nicht stillen könnt! Ihr seid wunderbar, denn Ihr seid Mütter!!!!!

Für die Supermamas und die, die voller Vorurteile sind: Prinzipiell stimme ich Müttern zu, gerade wenns so „Vorabausreden“ sind wie: Ich möchte nicht stillen, weil meine Brüste zu klein sind. Ich war selbst voller Vorurteile, auch wenn ich das damals nicht zugegeben hätte. Ich stand allerdings auch damals schon dahinter, dass jede Frau mit ihrem Körper tun kann, was sie will und ich nicht darüber richten darf. Trotzdem hab ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass dies bei anderen eine unfreiwillige Sache sein könnte. Denn es steht bei den meisten Frauen mehr dahinter, als man sehen kann. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Deshalb meine Bitte: Schert nicht immer alle über einen Kamm, es gibt genug Frauen, die gute Gründe haben, nicht zu stillen. Außerdem ist es jeder Frau selbst überlassen, es ist ihr Körper – und was nutzt eine Stillbeziehung, in der nur einer glücklich ist?

Ich hätte es auch nie für möglich gehalten, dass ich nicht stillen könnte, gerade weil ich bei meinem ersten Sohn so lange und wunderbar stillen konnte. Leider war es aber so und so habe ich mal die andere Seite erlebt – wie man schräg angeschaut wird, wenn man die Flasche gibt – da hats keinen interessiert, ob ich meinen ersten Sohn lange gestillt habe oder nicht. So was macht mich traurig und es ist schlicht intolerant. Klar, die Firmen verdienen gut an der Flaschennahrung und es wird gern Werbung dafür gemacht, aber ich war zu dem Zeitpunkt dankbar, dass es sie gibt.

Ich bin nach wie vor mehr fürs Stillen – aber ich kann auch die andere Seite teilweise nachvollziehen. Seid bitte toleranter. Wenn wir ein drittes Kind kriegen sollten, möchte ich es wieder stillen. Ich werde berichten, welcher Weg es am Ende sein wird. Denn eines habe ich gelernt: Wie bei der Geburt gilt fürs Stillen: Man kann nicht alles voraussehen, man muss sich auf alles einlassen und auf alles gefasst machen. Ich gebs nach oben ab.

4 Gedanken zu “Stillen und Nicht-Stillen

  1. DANKE!!!!
    Endlich mal eine Mama, die weiß, dass es auch andere Gründe für das Nicht-Stillen gibt.
    Ich hätte und habe alles getan um stillen zu können. Aber es sollte nicht sein. Nach 4 Wochen hab ich es aufgegeben und meinen Sohn und mich nicht weiter gequält. Zu Anfang hatte ich auch das Gefühl keine gute Mutter zu sein. Mittlerweile sind wir zufrieden mit der Flasche. Und der Papa liebt es auch mal füttern zu können. Die Hauptsache ist, daß es meinem Sohn gut geht und das tut es.🙂

    • So sieht es aus :-)))) Es ist schon schwierig: Klar, als Mama weiß man, Stillen ist das Beste. Aber manchmal ist es nicht das Beste für beide oder auch nur einen der Stillpartner. Dann darf man nicht an dem Allgemeingültigen festhalten, sondern darf guten Gewissens auf die glücklicherweise vorhandenen Alternativen zurückgreifen. Alles Gute noch für euch🙂

  2. Respekt!!Danke das mal eine Mama sowas schrieb,ich hab mir echt auch ne zeitlang vorwürfe gemacht aber weiß nun das es das richtige war das ich abstillte er kommt mit der Flasche besser zurecht als mit meiner brust. Finde den text echt wunderbar geschrieben.

    • Hallo Franziska-Vanessa,
      danke für dein Lob. Ich freue mich, dass ich dich damit ermutigen konnte, diese Wahl zu treffen. Bedenke dabei aber auch, dass manche Stillschwierigkeit durch das richtige Anöegen des Kindes behoben werden kann. Ich habe damals auch die LaLecheLiga-Stillberaterinnen angeschrieben. Auf der Homepage dort findest du Beraterinnen, die dir kostenlos helfen. Das nur zur Information🙂
      Alles Gute für Euch, egal ob mit Flasche oder Brust, hauptsache, die Kinder gedeien und Mama gehts dabei gut🙂

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